Die World Health Organization beschreibt Gesundheit in ihrer Verfassung als einen Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen. Anlässlich des Weltgesundheitstages 2025 haben wir fünf Vertreter am Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) und der Heinrich-Heine-Universität (HHU) gefragt, wie sie den Begriff „Gesundheit“ definieren würden.
Prof. Dr. Stefan Wilm ist Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am UKD, Sprecher des Centre for Health and Society der Medizinischen Fakultät und behandelt seit 26 Jahren als Facharzt für Allgemeinmedizin, Innere Medizin und Geriatrie Patient:innen in der Hausarztpraxis. Er definiert Gesundheit grundsätzlich aus Sicht der Patient:innen. „Gesundheit ist nicht ein Zustand, den man hat, und erst bemerkt, wenn er nicht mehr da ist“, so Prof. Wilm. Stattdessen befänden sich Gesundheit und Krankheit auf einem Kontinuum und Gesundheit sei ein Prozess. „Jeder Mensch hat gesunde sowie kranke Anteile. Entscheidend ist, welche Anteile als dominant erlebt werden.“ Wichtig sei für die Patient:innen, dass sie trotz Erkrankungen ihr Leben als befriedigend empfinden und dabei würden auch Faktoren wie soziale Integration und Lebensqualität eine Rolle spielen. „Gesundheit ist etwas, wofür man in Maßen auch selbst verantwortlich ist“, rät Prof. Wilm. „Man hat Einfluss auf die Art, wie man sein Leben gestaltet und mit kranken Anteilen umgeht.“
Prof. Dr. Nico Dragano ist Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie am UKD und untersucht, wie die Gesellschaft an der Entstehung von Krankheiten und ihrer Verhinderung beteiligt ist. „Gesundheit ist nicht nur Privatsache, sondern etwas Kollektives“, betont Prof. Dragano. „Das beginnt bereits damit, dass die meisten Erkrankungen ihre Wurzeln in sozialen Erlebnissen haben.“ So seien biologische Schädigungen wie eine Herzerkrankung zum Beispiel auch darauf zurückzuführen, dass in der Welt viele Gefahren für die Herzgesundheit lauern – wie Stress, ungesundes Essen und soziale Isolation. Auf gesellschaftlicher Ebene gebe es Anstrengungen und Präventionsmaßnahmen, um Krankheiten zu verhindern. Gesellschaftliche Normen und Konventionen würden bei der Definition von Krankheiten zudem häufig eine Rolle spielen. Das Gesundheitssystem sei ebenso eine definierte Norm und ein hochkomplexes soziales System. „Die Vorstellung von dem Punkt, an welchem die Gesellschaft einspringt und sich um Gesundheit kümmert, unterscheidet sich in verschiedenen Ländern.“
„Der antiken Viersäftelehre zufolge ist der Mensch gesund, wenn die vier Säfte in seinem Körper – Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim – im Gleichgewicht stehen“, erklärt Prof. Dr. Heiner Fangerau, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der HHU. Wenn ein Ungleichgewicht herrsche, sei man wiederum krank. Schon in der antiken Geschichte sei gefragt worden, was man machen kann, um die Gesundheit zu erhalten, damit die vier Säfte im Gleichgewicht bleiben. „Die Vorstellung, dass der Krankheits- und Gesundheitsbegriff zusammenhängen, ist hier bereits angelegt.“ 2.000 Jahre lang habe die Viersäftelehre in der Medizin Anwendung gefunden. In der Moderne hingegen habe sich der Hauptfokus erst auf Krankheit und in den letzten 70 Jahren dann auf Gesundheit und Prävention verschoben. Technische Neuerungen wie das Fieberthermometer hätten dafür gesorgt, dass Krankheiten anders wahrgenommen wurden. „Es gibt verschiedene Sichtweisen auf Krankheiten und diese können auch gegeneinander argumentieren. Medizingeschichte beschäftigt sich damit, wann über Krankheit gestritten wird und aus welcher Perspektive“, so Prof. Fangerau.
Prof Dr. Gottfried Vosgerau, Professor für Philosophie des Geistes und der Kognition an der HHU, stimmt darin überein, dass Gesundheit nicht alleine als Abwesenheit von Krankheit definiert werden kann. Krankheiten werden in der Regel nach dem ICD-Code klassifiziert, einem weltweit anerkannten System. „Nehmen wir an, jeder Zustand, für den es einen ICD-Code gibt, bedeutet, dass man krank ist. Dann wäre niemand gesund.“ Er würde Gesundheit stattdessen als einen relativen Begriff auffassen und die Verhältnisse und Kontexte betrachten. Wer beispielsweise an einer Besprechung mit mehreren Personen in einem Raum teilnehmen soll, müsse abschätzen, ob eine akute und ansteckende Infektion vorliegt. Ebenso würde man für eine dreißigjährige Person andere Maßstäbe anlegen als für jemanden, der über 70 Jahre alt ist. Der Krankheitsbegriff sei normativ, das heißt er legt eine Norm oder eine Regelung fest. „Eigentlich geht es um die gesellschaftliche Frage, welche Behandlungen wir als Solidargemeinschaft bezahlen“, sagt Prof. Vosgerau. „Das ist ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess und wird politisch festgelegt.“
Die psychische Gesundheit werde je nach Lebensphase von verschiedenen Faktoren bedingt, beschreibt Dr. André Karger, stellvertretender Leiter des Klinischen Instituts für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Während in der frühen Kindheit Fürsorge und Schutz von besonderer Bedeutung seien, gehe es im hohen Lebensalter um den Erhalt der Autonomie. „Jede Lebensphase geht mit bestimmten Bedürfnissen und Entwicklungsaufgaben einher“, sagt Dr. Karger. „Gemäß der WHO-Definition ist psychische Gesundheit nicht nur im Negativen als fehlende Beeinträchtigung durch psychische Störungen definiert, sondern als ein Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft beisteuern kann.“ Neben den individuellen Faktoren würden auch soziale und gesellschaftliche Faktoren die psychische Gesundheit beeinflussen. Diese lasse sich durch verschiedene Maßnahmen fördern, beispielsweise durch ausreichende Bewegung, Achtsamkeit und Kommunikation.